Es geht nicht nur darum, was wir hinzufügen. Sondern auch darum, was wir verlieren.

Über Bildbearbeitung, die Eigenart eines Menschen und die Energie eines Augenblicks.

Anna lächelt im Fensterlicht; Gesicht und Umgebung bleiben sichtbar

Manchmal schaue ich auf ein Foto, an dem eigentlich alles stimmt. Licht, Farben, Schärfe. Und trotzdem merke ich: Irgendetwas ist anders geworden. Das Bild wirkt auf den ersten Blick eindrucksvoller. Aber erzählt es noch dieselbe Geschichte?

Bei der Bildbearbeitung ist vieles möglich. Ein wenig mehr Kontrast. Noch etwas Schärfe. Die Haut gleichmäßiger. Den Hintergrund weicher, damit nichts vom Gesicht ablenkt.

Jeder dieser Schritte kann sinnvoll sein. Manchmal hilft er erst dabei, die Wirkung sichtbar zu machen, die ich beim Fotografieren wahrgenommen habe. Aber Veränderungen addieren sich. Mehr Kontrast kann einen nachdenklichen Ausdruck härter erscheinen lassen. Retusche kann eine Eigenheit verschwinden lassen, an der wir einen Menschen wiedererkennen. Ein künstlich unscharfer Hintergrund kann die Umgebung verdrängen, die zum Augenblick gehört hat.

Die Bearbeitung fügt dann nicht nur etwas hinzu. Sie verdeckt möglicherweise etwas, das von Anfang an da war.

Ein kurzer Blick. Eine kleine Unsicherheit. Eine Hand, die nicht perfekt liegt. Licht, das ein Gesicht nicht vollständig ausleuchtet. Solche Dinge sind nicht automatisch Fehler. Sie können gerade das sein, was einen Menschen oder einen Augenblick ausmacht.

Mich interessiert deshalb nicht nur, wie viel sich aus einer Aufnahme herausholen lässt. Ich möchte auch verstehen, was ich verändere, wenn ich weitergehe.

Bei Hochzeiten wird diese Frage besonders deutlich. Ein Lachen nach einem nervösen Moment erzählt etwas anderes als ein Lächeln für die Kamera. Eine Umarmung kann Freude ausdrücken, Erleichterung oder beides zugleich. Zwei Menschen können im selben Augenblick Unterschiedliches empfinden.

Es geht nicht einfach darum, dass ein Mensch etwas erlebt. Es geht um die Energie seines Erlebens – darum, was ein Augenblick in ihm auslöst, wie er darauf reagiert und welche Bedeutung dadurch entsteht.

Diese Energie muss nicht laut oder überschwänglich sein. Sie kann freudig, schmerzlich, widersprüchlich oder still sein. Auch unsere Aufmerksamkeit, unsere Haltung und der Umgang miteinander prägen, wie wir etwas erleben. Ohne dass wir jedes Gefühl bestimmen könnten.

Für meine Fotografie sind deshalb drei Dinge zu unterscheiden: Was ist geschehen? Wie haben die Menschen es empfunden? Und wie erzähle ich später mit meinen Bildern davon?

Ein Foto kann das innere Erleben eines Menschen nicht vollständig zeigen oder beweisen. Es hält einen Ausschnitt fest, aus einer bestimmten Perspektive. Umso sorgfältiger möchte ich mit dem umgehen, was darin sichtbar geworden ist.

Das bedeutet nicht, dass Bilder unbearbeitet bleiben müssten. Fotografie ist schon beim Aufnehmen Gestaltung: durch Licht, Perspektive, Ausschnitt und die Wahl des Moments. Auch ein bewusst inszeniertes Porträt oder ein filmischer Look kann zu den Menschen und ihrer Vorstellung passen. Andere Paare möchten Licht, Farben und Atmosphäre möglichst so wiederfinden, wie sie sich an ihren Tag erinnern.

Beides kann stimmig sein. Entscheidend ist für mich, ob die Gestaltung zur Geschichte dieser Menschen passt.

Deshalb bearbeite ich meine Bilder sorgfältig. Helligkeit, Farben und Kontraste sollen zusammenfinden. Hauttöne sollen natürlich bleiben. Dabei möchte ich nicht jede Aufnahme auf denselben emotionalen Effekt hin bearbeiten. Ein stiller Moment darf still bleiben.

Die Frage, die ich mir dabei stelle, lautet: Was bewirkt diese Veränderung für das Ganze? Unterstützt sie den vorhandenen Ausdruck? Bleibt die Eigenart erkennbar? Oder verschwindet gerade etwas, das ich eigentlich bewahren wollte?

Manchmal ist die beste Entscheidung, einen Regler wieder zurückzunehmen.

Denn ein Foto wird für mich nicht allein dadurch besser, dass ich mehr daraus mache. Es wird besser, wenn die Gestaltung sichtbar werden lässt, was diesen Menschen und diesen Augenblick ausgemacht hat.

— Martin Edel